Was ist ein Krankenhaus?

Artikel #784 vom 30.05.2016

Sicherlich fällt Ihnen spontan eine Antwort ein. Seltsamerweise hat jeder von Ihnen eine andere. Ein Kind würde sagen: „Da sind lauter kranke Leute, gell Papa?“ Und Sie, falls Sie schon einmal in Not waren und Hilfe gesucht haben würden es „die letzte Hoffung“ bezeichnen. Einen Ort der Hilfe. Stimmt tatsächlich: Wenn man gar nicht mehr weiter weiß, geht man ins Krankenhaus.

Wer ein- oder mehrmals drin war, entwickelt ein differenziertes Bild. Eine der klügsten Beschreibungen unserer Einrichtung Krankenhaus habe ich gefunden bei einem sehr, sehr berühmten Wirtschaftsjournalisten. Der sich beruflich viel mit Medizin und ihrer Anwendung beschäftigt hatte. Und der einmal selbst krank wurde. Hohes Fieber. Rheumatisches Fieber. Morbus Bechterew. Ich spreche von Norman Cousins und seinem berühmten Buch: „Der Arzt in uns selbst“. Eine Geschichte der Heilung. Heilung aber eben außerhalb des Krankenhauses. Denn der hat an dieser Einrichtung verzweifelt:

„…ein Krankenhaus ist nicht der richtige Aufenthaltsort für einen ernstlich kranken Menschen. Die erstaunliche Missachtung elementarer Gesundheitsregeln, die Geschwindigkeit, mit der sich Staphylokokken und andere pathogene Organismen in einem Krankenhaus ausbreiten können, der extensive und manchmal willkürliche Einsatz von Röntgengeräten, die offenbar unterschiedslos verordnete Verabreichung von Beruhigungsmitteln und starken Schmerzmitteln – manchmal mehr dem Zweck dienend, dem Krankenhauspersonal die Handhabung der Patienten zu erleichtern, als aus therapeutischer Notwendigkeit – und die Regelmäßigkeit, mit der die Krankenhausroutine Vorrang vor den Bedürfnissen des Patienten erhält (Schlaf ist für eine kranke Person ein großer Segen und sollte nicht mutwillig gestört werden) – alles diese und andere Praktiken schienen mir bedenkliche Mängel des modernen Krankenhauses zu sein.

Am meisten versagte das Krankenhaus vielleicht auf dem Gebiet der Ernährung. Nicht nur, dass die Mahlzeiten sehr unausgewogen waren; geradezu unentschuldbar erschien mit die Überfülle chemisch behandelter Lebensmittel, von denen manche Konservierungsmittel und Farbstoffe enthielten. Weißbrot aus gebleichtem Mehl, versetzt mit chemischen Weichmachern, bot man mir zu jeder Mahlzeit an. Das Gemüse wurde häufig zu lange gekocht, wodurch es einen großen Teil seines Nährwertes verlor. Kein Wunder, dass der Beratungsausschuss des Weißen Hauses, Resort Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit, 1969 die traurige Feststellung traf, ein großes Versäumnis der medizinischen Fakultäten bestünde darin, dass sie der Ernährungswissenschaft so wenig Aufmerksamkeit widmete.“

Geschrieben wurde das Buch 1979. Sie alle wissen, dass sich, was die Ernährungswissenschaften angeht, bis heute auch in Deutschland nichts geändert hat. Übrigens: Was die Krankenhauskost angeht auch nicht. Ich hab sie ja soeben selbst einige Wochen genossen. Oder besser gesagt: Gerade nicht.

Wenn Sie sich in das Thema, das ja auch für Sie einmal lebenswichtig sein könnte, hineindenken, werden Sie „spüren“, dass das Krankenhaus früher eine andere Einrichtung war. Sehr viel menschlicher. Wenn auch vergleichsweise technisch katastrophal, damals. Heute sind Krankenhäuser technisch auf höchstem Stand. Aber das mit der Zuwendung, mit der Menschlichkeit hat nachlassen… müssen. Dahinter stehen Zwänge. Planwirtschaft. Gesetzlich vorgeschriebene Festzahlungen pro Krankheit. Wenn da auch nur eine winzige Komplikation eintritt, eine unvorhergesehene Entzündung nach einer Operation, wird das nicht mehr bezahlt. Und bevor das Krankenhaus Pleite geht, streicht es eben Stellen. Krankenschwestern. Ärzte. Resultat: Noch weniger Zuwendung.

Was ich soeben beschrieben habe, ist tägliche Realität. Wird bereits im Fernsehen beklagt. Mit Zahlenangaben.

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