Frohmedizin in der Klinik?

Artikel #783 vom 30.05.2016

Praktisch nicht möglich. Und das nicht einfach nur deshalb, weil Krankenhaus-Medizin nun einmal auf der Pharmamedizin aufbaut. Und nicht auf der viel moderneren Epigenetik. Weil das Krankenhaus hinterherhängt. Nein, nein: Die Ursachen sind viel erschreckender. Erklärt uns eine „Spitzenchirurgin“.

Nämlich Frau Professor Dr. med. Gabriele Schackert, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und Direktorin in der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Dresden.

Weil die Erklärung dieser Spitzenchirurgin unsere, meine Medizin in ein doch schräges Licht rückt, einfach wörtlich:

„Mit der Einführung des DRG-Systems (Diagnosis Related Groups) vor mehr als 10 Jahren hat sich unser Vergütungssystem grundlegend geändert. Seither arbeiten wir in den Kliniken immer intensiver an wirtschaftlich „passgenauen“ Patienten.
Es gilt, den maximalen Erlös zu erzielen – je mehr und je schwieriger die Fälle bei geringer Verweildauer sind, desto besser. Bereits zu Jahresbeginn wird die Zahl der zu behandelnden Patienten für jedes Fachgebiet detailliert vorgegeben, eine Punktlandung ist das Ziel.
In diesem System schlägt sich die Zeit, die man mit den Patienten verbringt, nicht in der Vergütung nieder. Mit dem Ergebnis, das ärztliche Zuwendung zur entbehrlichen Ressource wird…“

Gewusst? Wirklich? Was in einer Klinik im Vordergrund steht?

Ich habe ja nun persönlich einige Erfahrung. Seit meinem Unfall 2005 immerhin 17 Mal operiert. Noch öfter in den Kliniken, in den Krankenhäusern. Die Behandlung war immer vorzüglich. Heilung? Keine Rede.
Und ich dachte immer, in der Medizin ginge es um genau das, um die Heilung. Tja.

Ohne Zeit keine Frohmedizin. Ohne Zeit keine Epigenetik. Ernährung, korrekte Ernährung muss erklärt werden. Einen Menschen zum Laufen zu bringen, erfordert Empathie, Zuwendung, Zeit. Entspannungstechnik, Meditation braucht Einfühlungsvermögen, Zeit. Laut Frau Professor Schackert in einer Klinik also nicht möglich.

Unvermeidlich selbstverständlich der abschließende Appell. Der Konjunktiv. Das– wie – es – sein – sollte. Darf ich?

„Es ist an der Zeit, sich wieder auf das eigentliche Arzt-Patienten-Verhältnis zu besinnen, auf Empathie und Verantwortung. Eine Medizin am Fließband, die jährlich eine Leistungssteigerung verlangt, verliert den Patienten aus dem Blickfeld. Und damit das ärztliche Ethos.“

Soviel zur Klinik. Soviel zu den Klinikärzten. Deren Direktorin über das verlorene ärztliche Ethos philosophiert.

Die selbstverständlich in den Ausschüssen sitzt, wohl auch für Leitlinien mitverantwortlich ist.

Wir verstehen wieder ein bisschen besser, weshalb Frohmedizin, weshalb zeitaufwändige Epigenetik, weshalb Heilung ein so rares Gut ist.

Quelle: FOCUS 16/2016, Seite 60

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