Ich find´s genial. Sie suchen die Bedeutung eines Begriffes und eine ganze Welt breitet sich vor Ihnen aus. So stelle ich mir Internet vor. Weniger als soziales Medium.
Doch gemach. Lassen Sie mich Ihnen einfach ein paar merkwürdige Geschichtlein erzählen.
Stichwort "Geburt". Da erfahren Sie, dass 10%, 20%, ja 30% der Frauen nach der Geburt im Kindbettfieber sterben. Dahingerafft werden. Frühgeburten praktisch keine Chance zum Überleben haben. Und fragen sich: Was soll jetzt das? Sie wissen ganz genau, dass diese Angaben nicht stimmen.
Ganz einfach: Wikipedia hat aus dem Jahr 1850 berichtet. Vor Hygiene, vor Penicillin. Was sagen Sie jetzt?
Sie tippen ein "Hüftprothese". Und erfahren Schreckliches: Der Zement hält oft nicht, die Prothesen werden locker, zerbrechen häufig, Patienten haben hässliche Schmerzen nach der Operation, oft muss die Prothese nach sechs Monaten ausgetauscht werden… Und Sie kratzen sich am Kopf. Wie bitte? Kennen doch genug Leute, auch Sportler mit künstlicher Hüfte, die dennoch Sport betreiben und zufrieden sind.
Ganz einfach: Wikipedia hat aus den Anfangsjahren dieser Technik berichtet. Völlig korrekt.
Näher zum Thema: Sie tippen ein "fliegen". Und erfahren, dass das eine ganz dubiöse, unsichere Sache sei. Solche Flugzeuge würden in der Regel nach 150m abstürzen. Müssten neu gerichtet werden. Schaffen manchmal sogar 400m. Sie kratzen sich am Kopf, erneut. Was lesen Sie da für Unfug? Eine Boeing oder ein Airbus fliegen jahrzehntelang sicher herum.
Ganz einfach: Wikipedia hat aus den Anfangsjahren des Fliegens berichtet. Also völlig korrekte Berichterstattung.
Sehen Sie, das ist mir kürzlich passiert. Haben Sie mitbekommen im Forum als Antwort auf die News vom 17.09.2017. Da ging es um das Lebenswerk meines Großvaters. Den Kohlenstaubmotor. Also tippe ich "Kohlenstaubmotor" bei Wikipedia ein.
Und erfahre: Eine Totgeburt. Schon nach fünf Minuten hätte der Kohlenstaub sich festgefressen an den Kolbenringen, man musste die Maschine zwei Tage lang reinigen.
Und der Laufbuchsenverschleiß sei 500fach stärker als beim Dieselmotor. Die Gusseisenbuchse war nach 150 Betriebsstunden (können Sie übersetzen mit 7.500km bei 50km/h) 7 Millimeter abgenutzt. Ein Schrottmotor. Versteht jeder.
Also laut Wikipedia: Eine Totgeburt. Ein Schrottmotor. Nun ja, wenn da nicht die lästigen Fakten wären (stöhnt die DGE, in die Enge getrieben, auch täglich zum Thema Kohlenhydrate).
Fakten? Lese ich in Dokumenten des Stadtarchives Görlitz (gestempelt) (Zitat):
"Auf der wissenschaftlichen Herbsttagung des VDI in Augsburg konnte Dr. Wahl, Elbing, die Ergebnisse eines 4.000-stündigen Betriebs des verdichterlosen Kohlenstaubmotors mitteilen, der von Firchau in Elbing im Auftrage einer Reichsstelle erbaut wurde."
Also: Ein Ingenieur, Dr. Wahl, berichtet auf der Herbsttagung, dass der Kohlenstaubmotor im Dauerbetrieb 4.000 Stunden hinter sich hatte. Hatte ich Ihnen verdeutlicht bei Annahme von 50kmh mit 200.000 Kilometer. Ein Schrottmotor? Der sich sofort verstopft und abnutzt laut Wikipedia?
Sie haben sofort verstanden: Deswegen die Beispiele oben. Wikipedia hat aus der Frühzeit, aus der Entwicklungszeit des Motors berichtet. Wenn das nicht eine glänzende Technik des Abservierens ist… dann weiß ich auch nicht. In den Unterlagen lesen wir außerdem
der erste Motor in der Maschinenfabrik meines Großvaters, Leistung 80PS, "treibt noch heute nach mehrtausendstündigem Betrieb die ganze Erfinderfabrik Kosmos GmbH an"
Ein 140 PS Rupa-Motor arbeitet in Brünn seit 1931 und hat schon viele 1000 Betriebsstunden hinter sich und so weiter und so weiter.
Wir dürfen festhalten: Wikipedia lügt. Geschickt. Von jetzt ab werde ich alle Einträge mit sehr, sehr kritischem Auge betrachten.
Das wirklich Hübsche zum Schluss. Im gleichen Wikipedia-Eintrag "Kohlenstaubmotor" lesen wir doch wirklich, dass General Motors 1978 eine mit Kohlenstaub befeuerte Gasturbine entwickelte, die das Modell Cadillac Eldorado antrieb.
Daraufhin beantragte der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie beim Bundesministerium für Forschung Gelder für die Entwicklung eines Kohlenstaubmotors.
Diese Eingabe des Bundesverbandes wurde so ernst genommen, dass sie im deutschen Bundestag in der 230. Sitzung am 04. Juli 1980 behandelt, aber abgelehnt wurde.
PS: Zur Erklärung: Hatte ich alles verdrängt. Die Nazi-Zeit soll mein Denken nicht im Nachhinein vergiften. Ich habe alle Familiengeschichten, Papiere und Erzählungen in meinem Gedächtnispalast (kennen Sie das auch?) in einem dunklen Zimmer eingeschlossen. Ich will davon gar nichts mehr wissen. Die Veröffentlichung des Briefes war ein Versuch, die vielen klugen Menschen im Forum, die offenbar viel Zeit haben, um Hilfe zu bitten. Kann ich hier noch etwas lernen? Nun, die Antwort war Wikipedia.
Und da habe ich allerdings dazugelernt.
© 2026 Dr. Ulrich Strunz