Mathematik und Kunst

Gast-News

Denken Sie sich als Höhlenmensch. In einer dunklen, modrigen Tropfsteinhöhle. Ihnen ist langweilig. Vor Ihnen liegt eine tote Fledermaus. Sie stochern mit einem Stück Holz im frischen Tierkadaver rum.

Und drücken das Stück Holz gegen die Wand. Machen dort also einen sichtbaren Punkt.

Sie sind noch halb Tier. Haben nicht wirklich ein Gefühl für Zeit. Für die Vergangenheit oder Zukunft. Für morgen und gestern. Weil Sie jeden Tag jagen müssen. Ihr Fleisch nicht pökeln und lagern. Um ein paar Sonnenwenden zu überdauern.

Drum ist ihr Gehirn, darum sind Sie beschäftigt mit Dingen, die sich bewegen. Die sich ändern. Die auffallen. Giftfrösche. Rote, unbekömmliche Beeren, deren Samen Sie nicht essen dürfen. Unnatürliche Bewegungen im hohen Gras. Sie wissen, die Welt ist in ständiger Bewegung. Alles, was Sie sehen, ist zu jedem Moment anders. Im ständigen Wechsel. Nichts, gar nichts, ist gleich.

Und nach ein paar Sonnenwenden gehen Sie zurück in die Höhle. Zum Punkt an der Wand. Ihnen ist langweilig. Sie gucken den Punkt an der Wand an. Jetzt gibt es drei besondere Möglichkeiten, die Sie damals denken konnten. Folgen Sie mir einfach kurz, in den abstrakten Gedankenwald:

"Der Punkt. Er ist…

  • vollständig verschwunden. Nennen wir +1

  • noch vollständig da. Nennen wir mal 0

  • zweimal da, perfekt geklont." Nennen wir -1

Ist er vollständig verschwunden, dann war das wohl das Wasser in der Höhle. Ist er noch vollständig da, haben Sie vielleicht in die Fettleber der Fledermaus gestochert, und der Fleck war fettig vor dem Wasser geschützt. Und doppelt? Wie geht das? Ganz einfach: ein Höhlenmensch-Kollege hat Sie imitiert. Imitation ist die häufigste Heuristik.

Was nun so besonders an diesem Gedankenspiel ist…diese drei besonderen Möglichkeiten lassen sich ausgehend von bisschen gedanklicher Logik in drei Zahlen verwandeln. Siehe oben. In -1, in 0, in +1. Ziemlich simpel. Aber:

Wenn Sie in einen Apfel beißen, werden Sie niemals den gesamten Apfel essen können. Weil entweder etwas Apfelsaft auf den Boden fiel oder in jedem Moment etwas Apfelwasser verdunstet. Der gegessene Apfel ist damit niemals völlig verschwunden. Die +1 brauchen Sie, um die Dinge voneinander abgrenzbar zu machen. Obwohl überall fließende Übergänge sind. Was ist das?

Was auch bedeutet, dass, sobald Sie den Apfel in die Hand genommen haben, er bereits nicht mehr der gleiche Apfel ist, wie eine Sekunde davor. Ein bisschen vom Apfel ist bereits verdunstet. Ein perfektes in-Ruhe-lassen, die 0, scheint nicht möglich zu sein. Die 0 brauchen Sie, um Ursache und Wirkung darzustellen. Wie war es zu Beginn?

Was das perfekte Klonen, das Verdoppeln des Punktes angeht,…erklärt uns die Epigenetik: Information ist ewig. Nicht einmal diese unheimlichen, fast unverständlichen schwarzen Löcher dort draußen im All können Informationen vernichten. Bringen Information höchstens durcheinander, machen sie schwer lesbar. Die "Synchronisation", im Verhalten ist die da die Imitation eine nette Analogie, kann Dinge kopieren. Die -1 brauchen Sie ebenfalls, um Ursache und Wirkung Ihrem Gehirn zu erklären. Wie schaut es jetzt aus?

Was mich freilich stutzig macht: Während diese Logik, die da schriftlich vor mir liegt, ausführlich in dicken Büchern durchdiskutiert, während die ein vollständiges Verschwinden verbietet, erlaubt sie

0: ein perfektes, ewiges Bestehen. -1: ein perfektes, ewiges Vererben.

Nur die +1: das völlige Vergehen, das klappte nicht. Dazu müsste man etwas Neues in die Logik einbauen. So lese ich.

Vielleicht nur Spinnerei. Etwas zu viel Mathe gelesen in letzter Zeit. Und ja, irgendwo doch wunderschön.

Zu denken, dass uns die Natur sogar die Möglichkeit gibt, mit Fettlebern toter Fledermäuse Punkte aneinanderzureihen, um Dinge wiederzuentdecken, die wir aus Langeweile vor langer, langer Zeit vergessen haben.

Die für uns derart selbstverständlich waren, dass wir den Tag, die Wärme lieber praktisch, nutzten, um zu genießen.

Sie erinnern sich? Genießen ist gotisch für Fisch und Wild jagen. Bewegung, Ernährung, Denken.