Systemgrenzen – Ein Glaubenssatz und Hilfestellung für jeden Tag

Gast News von Ulrich Strunz jun.

Heute habe ich Geburtstag. Heute schreibe ich mal aus der Seele:

Der Mensch empfindet die Emotion Neid seit seinem 2. Lebensjahr. Ich also seit über 30 Jahren. Der gesunde Mensch lästert auch gerne. Neid verschafft dem Menschen den vermeintlichen Vorteil, sich dem Status anderer anzugleichen. Lästern hilft dem Menschen, Fremde zu mögen.

Als Verhaltensökonom bin neidisch auf die Modelle der Rette-Die-Welt-Blogger. Und möchte heute über jemanden lästern.

Dieser Jemand ist hier zu finden. Ein 11 Jahre alter Artikel. Sie wissen, der Fleischkonsum sollte runtergeschraubt werden. Ein Grund dafür ist, dass die Produktion von Fleisch angeblich "zu viel" CO2 emittiert. Diese Denkart begann mit dem "Global Environment Outlook 2000". Das Buch liegt zuhause, ist nicht einfach zu kriegen.

Imitation ist die häufigste Heuristik. Bedeutet, wenn andere erfolgreicher sind als wir, dann imitieren wir deren Strategie. So entstehen in der Kombination mit Neid und Lästern lustige Geschichten über den Nachbarn oder dass Dr. med. Strunz den 72. Herzinfarkt erlitt. Der Witz dabei: Und das als Fitness-Papst.

Der Autor, über welchen ich nun lästere, macht genau das. Er kopiert blind die Aussage eines wiss. Artikels, aus einem Journal mit Hersch-Index 30. Mittelmäßig gutes Journal.

Ich bin auf die Modelle der Klimaforschung wirklich neidisch. Für meine Dissertation muss ich etwas weit weniger Komplexes messen als den Ausstoß von CO2 Emission bei 1kg Fleisch.

Also, Studie runtergeladen, dafür 42 USD bezahlt.

Erster Punkt deren Methode: Das "System" definieren. Welchen Ausschnitt des gesamten Fleischproduktionsprozesses wollen wir betrachten? Wie können wir diese Systemgrenzen klar festlegen. In der Studie macht man das wie folgt:

Oh.

An dieser Stelle habe ich aufgehört, die Studie ernst zu nehmen. Und ihre Ergebnisse.

Ein Produktionsprozess ist ein adaptives System. Ein Markt. Ein Netz aus sich gegenseitig beeinflussender Glaubenssätze, die alle von der Realität abweichen (Sterman, 2002). Der sich täglich im Kleinen, jährlich im Größeren an seine Umwelt anpasst (Sterman, 2006). Um die Systemgrenzen eines solchen Systems klar festzulegen, braucht es deutlich mehr. In der Robotik zum Beispiel den "Thielschen Fluent Calculus" (Kameramans & Schmits, 2004).

Will man die Systemgrenzen eines Systems definieren, das nach Optimierungspotential Ausschau hält, wie ein Lebewesen, ein KI-Roboter, ein Markt, muss man sich zumindest mit dem sogenannten "Rahmenproblem" beschäftigen. Ein System wie "Fleisch-Produktion" kann nicht wie in Abbildung 1 abgegrenzt werden (Durlauf, 1998). Ein Problem wie "Wie viel CO2 wird durch die Produktion von 1kg Fleisch emittiert" ist ein "schwammiges Problem", dessen Darstellung alleine äußerst schwer ist (Davidson & Sternberg, 2003).

Man muss an dieser Stelle noch nicht einmal die riesigen Schubladen "Komplexität", "Ungewissheit" und "Nicht-Linearität" öffnen.

Es reicht, dass man keine 42 USD zahlt. Nur den Abstrakt der Studie liest, aus einem mittelmäßigen Journal. Das Ergebnis auf seinen Blog klatscht, welches das eigene Weltbild bestätigt. Und munter darauf wartet, dass es weitergeplappert wird.

Ich bin wirklich neidisch auf die Modelle der Rette-Die-Welt-Blogger. Ob deren Methoden wohl mittlerweile besser geworden sind?

Obige Abbildung (Clune, Crossin, & Verghese, 2017, p. 769), für 40 USD zu haben.

Es gibt nur ein Problem der Wissenschaft: Systemgrenzen (Efatmaneshnik & Ryan, 2016). Will man aus Vorhersagen schnell Umsetzbares generieren, macht man die Grenzziehung lieber simpler. Will man etwas anzweifeln, macht man die Grenzziehung lieber schwieriger.

Was ist dann eigentlich wissenschaftliches Vorhersagen, also Simulation, so als Ganzes?

Denn Merke: Alle Klimawarnungen sind Vorhersagen, sind Modelle, also Simulation.

Wir Messen lieber. In der Realität. In Ihrem Blut.

Genau: Ich habe Stellung bezogen.

P.S. Natürlich funktioniert Tarot. Wie und weshalb, hat überzeugend erklärt der Arzt Michael Crichton ("Jurassic Park") in seinem Kultbuch "Im Kreis der Welt". Ach ja, und übrigens:

Mein Vorfahre Cholewa war Holzfäller. Er rettete 1065 einem "Großen" und später "Verräter" das Leben, als der vom Gegner übermannt wurde.

Messbarkeit und Realität. Fakten! Wir sind Holzfäller. Wenn’s drauf ankommt, verlasse ich mich lieber auf mein uraltes Blut.

Quellen:

Clune, S., Crossin, E., & Verghese, K. (2017). Systematic review of greenhouse gas emissions for different fresh food categories. Journal of Cleaner Production, 140, 766–783. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2016.04.082

Davidson, J. E., & Sternberg, R. J. (2003). The psychology of problem solving. Cambridge University Press.

Durlauf, S. N. (1998). What should policymakers know about economic complexity? Washington Quarterly, 21(1), 155–165. https://doi.org/10.1080/01636609809550300

Efatmaneshnik, M., & Ryan, M. J. (2016). A general framework for measuring system complexity. Complexity, 21(February 2018), 533–546. https://doi.org/10.1002/cplx.21767

Kameramans, M., & Schmits, T. (2004). The History of the Frame Problem. (June).

Sterman, J. D. (2002). All models are wrong: Reflections on becoming a systems scientist. System Dynamics Review, 18(4), 501–531. https://doi.org/10.1002/sdr.261

Sterman, J. D. (2006). Learning from evidence in a complex world. American Journal of Public Health, 96(3), 505–514. https://doi.org/10.2105/AJPH.2005.066043