Pillen? Verständliche Notwehr

Wenn Ärzte Pillen verschreiben, verstehe ich das in der Regel. Auch wenn es grundsätzlich (wenigstens auf Dauer) falsch ist. Versteh ich deshalb, weil ich ja selbst Pillen verschrieben habe. Jahrzehnte. Ich war genau der übliche, tüchtige, überarbeitete Kassenarzt.

Pillen bezeichne ich heute als "verständliche Notwehr". Um diesen Begriff zu illustrieren, darf ich einen vorzüglichen Bericht aus dem Forum exzerpieren und zitieren. Der sagt wirklich alles. Beschreibt präzise die heutige Medizin, wie sie in den Arztpraxen, den Kliniken, an der Universität ausgeübt wird. Na, dann wollen wir mal:

"Vor einigen Jahren begannen sich mannigfaltige körperliche Beschweren zu melden, was mir bedingt durch die täglich kaum auszuhaltenden Schmerzen, Besuche bei diversen Ärzten und Therapeuten bescherte.

Da meine Beschwerden häufig wechselten, wusste ich jeweils nicht, ob ich gerade beim Frauenarzt, einem Internisten, einem Neurologen, dem Heilpraktiker oder doch einem Hals/Nasen/Ohrenarzt vorsprechen sollte. Egal zu wem ich auch ging, lediglich der Zahnarzt hatte schlussendlich wirklich etwas zu tun, ansonsten galt ich überall als gesund.

Die mannigfaltigen Schmerzen legten sich alsbald wie ein Schleier auf meiner Psyche. Ich wurde ungehalten, stand ständig unter Strom, war überempfindlich, weinerlich, hatte schlicht ein labiles Nervenkostüm. Verzweifelt auf der Suche nach Hilfe endete meine Arztsuche (vorerst) bei einer sehr bekannten Psychiaterin.

Sofort wurden mir eine Dipolerkrankung und Wechseljahre-Beschwerden attestiert, worauf ich brav 14 Monate lang täglich ein Antidepressivum einnahm. Den Alltag konnte ich damit wieder bewältigen und zumindest meine Grundstimmung besserte sich.

Die weiterhin existenten Stimmungsschwankungen, der schlechte Schlaf (kaum im Bett konnte ich 2-3h nicht einschlafen) und weiterhin viele körperliche Schmerzen, arge morgendliche Steifheit, häufige Kopfschmerzen etc… schob ich auf meine Wechseljahre und das fortgeschrittene Alter und versuchte mich irgendwie mit meinem Zustand abzufinden.

Dank der "Lustigpille" und diversen (Fr-) Essattacken, die mich regelmäßig aufsuchten, erreichte ich nach wenigen Monaten einen BMI von 31 und war nur noch frustriert."

Mitbekommen? Die Psychiaterin konnte gar nicht anders als ein Antidepressivum verschreiben. Verständliche Notwehr. Und man kann einen gewissen Erfolg nun wirklich nicht abstreiten:

  • Den Alltag konnte ich damit wieder bewältigen

  • Zumindest die Grundstimmung besserte sich

Passt zur öffentlichen Bestätigung durch die Deutsche Fachgesellschaft für Psychiater (News vom 13.03.2008), dass Antidepressiva in 35% der Fälle helfen, Placebos dagegen nur in 30%. Diese Veröffentlichung hat mir endgültig die Augen geöffnet. Über einen ganzen Beruf.

All diese Nörgelei in diesen Zeilen, auch die der Patientin, könnten wir uns nicht leisten. Nicht leisten dann, wenn es keine Alternative gäbe. Wenn die Welt eben so ist, wie beschrieben. Wenn Zäune wirklich "eine Zuwanderung nicht verhindern könnten" (obwohl Orban oder Israel das Gegenteil beweisen). Zum großen Glück gibt es eine Alternative. Das können wir ohne Rechthaberei laut und deutlich sagen. Die Alternative heißt "Hilfe". Über die Hilfe können Sie in dem Forum Beitrag sehr wohl auch nachlesen (am 10.10.2015). Müssen Sie aber nicht, weil Sie das Rezept inzwischen in- und auswendig kennen.

Weshalb nur Sie? Haben Sie nicht als Nutznießer auch eine Verpflichtung? Weiterzugeben?