Ein entscheidender Vorteil ist, dass die Gabe eines Multivitamines vorher geplant war. Und den Leuten gegeben wurde. Hier wird also nicht – wie üblich – in Fragebögen jahrelang später abgefragt, ob oder ob nicht Multivitamine genommen wurden. Eine zwar übliche, aber höchst ungenaue Methode: Man hat mal zwei Wochen geschluckt, dann wieder drei Monate nicht, kreuzt aber an: Multivitamine ja. Und dass die dann keine Wirkung gebracht haben...versteht sich von selbst.
Das Ergebnis von 6% Krebsschutz durch Multivitamine ist natürlich eine völlig willkürliche Zahl. Die Wahrheit dürfte sehr viel höher liegen. Weshalb?
Zum Einen: Haben die Ärzte wirklich die verabreichte Multivitaminpille geschluckt? Oder benehmen die sich wie ihre eigenen Patienten: Zwei Drittel aller Medikamente werden umgehend in den Müll geworfen. Wenn das so wäre, müsste man die 6% Erfolgsquote mindestens verdoppeln.
Und andersherum: Haben die andere Hälfte der Ärzte ihre Placebokapsel wirklich geschluckt? Oder haben die nicht in Wahrheit – Ärzte sind misstrauisch – genau wissend um den Segen von Vitaminen eine Multivitamintablette in jedem Fall zusätzlich genommen. Unabhängig von der verabreichten Dosis. Dann freilich würde die Placebogruppe auffällig wenig Krebs bekommen und der Abstand zur Erfolgsgruppe wäre künstlich gering. Die Spreizung müsste also sehr viel größer sein.
Daraus ergibt sich, dass statt sechs Prozent 26 % genauso wahr sein könnte. Ein kritischer Wissenschaftler kann also nur die Tendenz ernst nehmen.
Teilnehmer waren ausschließlich Ärzte, männlich. Man darf davon ausgehen, dass die sich durchschnittlich recht gesund und bewusst ernährt haben. Deswegen wird ein zusätzliches Multivitaminpräparat vergleichsweise wenig gewirkt haben. Erklärt also das "nur 6% Gewinn". Eine Durchschnittsbevölkerung, die sich nachlässiger ernährt, hätte wahrscheinlich ein deutlich höheres Resultat gezeigt.
Hauptkritik: Verwendet wurde ein gängiges Multipräparat, nämlich Centrum Silver. Ich würde mich nicht trauen, Ihnen das anzubieten. In meinen Augen schlichter Betrug. Die einzelnen Substanzen stimmen wohl, aber keinesfalls die Menge.
Beispiel: Das Präparat enthielt anfangs 400, dann 500 Einheiten Vitamin D. Wir wissen heute, dass das praktisch wirkungslos ist. Der Inhalt an Betacarotin wurde im Verlauf der Studie halbiert.
Aus der XY-Studie wissen wir, dass der Vitamineffekt erst nach vielen, vielen Jahren wirklich greift. Die verblüffende Schutzwirkung gegen Darmkrebs trat hier erst nach 15 Jahren auf, war bei der Kontrolle zuvor, bei 11 Jahren dagegen vergleichsweise noch sehr schwach.
Anmerkung: Die Arbeit zitiert 47 Literaturstellen. Jede einzelne lesenswert. Ein Journalist, der seinen Beruf auch nur einigermaßen ernst nimmt, müsste diese 47 Arbeiten erst einmal studiert haben, und könnte erst dann fundiert im Spiegel, in der Zeit, in der Süddeutschen, in der Welt etwas von sich geben. Nur...das wird nie geschehen.
In der Welt der Wissenschaft wäre das selbstverständlich. Ich habe persönlich mich zu jedem einzelnen Thema, welches ich vor Universitäts-Gremien vortragen durfte (Verzeichnis siehe www.drstrunz.de) mit jeweils Hunderten Originalarbeiten vorbereitet. In unserer Welt war das selbstverständlich.
Heute wird – verzeihen Sie – nur noch geschwätzt. Leer dahergeredet. Papier vollgeschrieben.