Da passieren derzeit in Deutschland sehr, sehr merkwürdige Dinge. Höchst erfreuliche Vorgänge. Auf dem weiten Felde der Medizin. Staunen Sie doch einfach einmal mit mir:
Da gibt es einen Herzspezialisten. Einen Kardiologen. 35 Jahre an der Klinik. Leiter des Herzkatheterlabors. Der beschließt, die Klinik zu verlassen und sich als freier Arzt niederzulassen. Seine Begründung?
"Ich habe mich entschieden, mein Wissen als Kardiologe den Patienten zur Verfügung zu stellen, die ahnen, dass das, was Ihnen medizinisch empfohlen wird, vielleicht wirtschaftliche Gründe hat. Und nicht ihrer Genesung dient".
Was für eine abstruse Vorstellung. Wie kommt der darauf? Woher weiß der davon etwas? In der Klinik ist man schließlich abgeschirmt. Bekommt eigentlich wenig mit. Vom Praxisalltag. Vom wahren Leben. Tja. Der Herr Kollege erlebt seine Überraschung:
"Was ich in diesen Gesprächen mit Patienten fast regelmäßig erlebe, übertrifft alle Erwartungen. Es ist wirklich so, dass den Patienten alles, was den Kliniken Geld bringt, angeboten wird".
Na, so etwas. Hat uns Ärzten denn nicht Gesundheitsministerin Ulla Schmidt regelrecht befohlen, endlich wirtschaftlich zu denken? Uns endlich zu benehmen wie Wirtschaftsunternehmen? Doch, das hat sie. Ich werde diese Sätze niemals vergessen.
Jetzt kommt's: Natürlich hat das Ganze eine positive Seite. Ist Frohmedizin. Sonst würde ich nicht darüber schreiben. Der Kollege schreibt begeistert weiter:
"Gerade weil ich nun für jeden Patienten Zeit habe und außer Beratung nichts anbiete, kein EKG, kein Ultraschall, nichts, erlebe ich ein großes Vertrauen und eine fast unglaubliche Zufriedenheit für mein Kardio-Consulting".
Genial! Ein hoch erfahrener Spezialist, ein Kardiologe, der nach 35 Jahren in der Klinik wirklich alles erlebt und gesehen hat und deshalb auch weiß, stellt jetzt sein Wissen wirklich zur Verfügung. Speist also nicht in Drei-Minuten-Medizin ab (zwangsweise!), sondern nimmt sich Zeit. Erklärt. Nimmt die Patienten an die Hand. Und… wetten? Hilft Ihnen sehr viel mehr, als wenn er ihnen das 17. EKG anfertigen würde.
Ich bewundere diesen Kollegen über alle Maßen.
Quelle: Die Zeit, 04.10.2012, S. 103. Der Kollege heißt Dr. med. E. Girth in Frankfurt