Gibt es Zucker-Gene?
Artikel #536 vom 17.09.2012
Der Mensch wird durch seine Gene geprägt. Stimmt. Und wenn man Zucker-Gene finden könnte, dann ist die Zuckerkrankheit unausweichlich. Passt. Passt in das Denksystem der heutigen Zeit: Immer ist irgendjemand schuld, nur man selbst nicht. Bloß keine Eigenverantwortung.
Da wundert unsere DAK nicht: "Diabetes Typ II: Erkrankungsrisiko durch Vererbung hoch", so informiert sie ihre Mitglieder. Da wundern uns die Medien nicht: "Die Neigung, diesen Diabetes zu bekommen, wird vererbt", so die Süddeutsche Zeitung am 28.01.2010.
Stützt sich alles auf wissenschaftliche Arbeiten: So auf die TU Braunschweig, die sich als "Entdecker von Diabetes-Genen" zu erkennen geben: Nämlich eine Genvariante, die in etwa 15 Prozent Diabetes Typ II verursacht. Die Pharmakologen dort hätten "den derzeit wichtigsten Risikofaktor für jene Erkrankung entschlüsselt, die schon heute als eines der drängendsten medizinischen Probleme des 21ten Jahrhunderts gilt". Nachzulesen auf www.tu-braunschweig.de.
Menschen mit einem Minimum an gesunden Menschenverstand - also nicht Mitarbeiter der TU Braunschweig - erinnern sich, dass er vor dem zweiten Weltkrieg in Deutschland nur 0,4 Prozent aller Einwohner betraf: Der Diabetes Typ II. Und dass es heute ca. 12 Prozent sind. Na, das nenne ich doch einmal rasante Gene. Grober Unfug. Nach bisherigem Wissen sind Gene etwas sehr stabiles, über Millionen Jahre identifizierbar. Schon dieses eine, kleine Beispiel widerlegt all die hochmütigen Genforscher.
Die Auswertung der berühmtesten und größten Gesundheitsstudie der Welt, der Framingham-Studie durch Prof. Meigs in Boston ergab zusammengefasst: Testung der Gene ist teure Über-Diagnostik, die keinen zusätzlichen Nutzen bringt, und die man sich schenken kann. Es genügt, sich den Lebensstil der Menschen anzugucken. Ausgedrückt in einfachen Zahlen wie Körpergewicht und Blutfettwerte. Dem schließt sich übrigens Prof. Joost in Potsdam an (Diabetes Care 2009, 32, S. 2116).
Summa summarum: die klassische Genforschung, wie sie derzeit weltweit explodiert ist sinn-los. Zwar hochinteressant, aber sinn-los. Es ist, ich zitiere "der Lebenswandel, der darüber entscheidet, wer gesund bleibt, und wer zuckerkrank wird". Nennt man Epigenetik. Eine Stufe über der Genetik. Dazu passt der abschließende Satz von Stannard und Johnson (Diabetes metabolism research and reviews 2006, 22, S. 11): "die Anstrengungen, einen pharmakologischen (also mit Tabletten) Sieg über die Diabetes-Epidemie zu erringen, beruhen auf einem Denkfehler."
Einem verhängnisvollen Denkfehler. Tagtäglich besuchen mich Patienten mit Diabetes. Und tagtäglich legen sie mir ihre Tabletten auf den Schreibtisch. Und tagtäglich erinnere ich mich an obiges Zitat. An die Wissenschaft.
Medizin ist etwas Wundervolles. Medizin weiß. Wir wissen, wie man Diabetes eben nicht behandelt, sondern heilt. Und zwar ohne Tabletten. Nur... weiß das auch Ihr Hausarzt? Und wenn er es weiß, setzt er sein Wissen in Ihrem Leben auch wirklich um?
Auch hier gilt: Es gehören immer zwei dazu.